
Der Blogbeitrag zeigt anhand des Beispiels Kermi, warum erfolgreiche Produktnamen selten isoliert entstehen. Statt einzelner Namen entwickelte sich aus einer technologischen Idee und einer klaren Positionierung ein konsistentes Namenssystem mit strategischer Funktion. Der Beitrag macht deutlich, wie Namensarchitektur Orientierung schafft, Markteintritte unterstützt und langfristige Markenentwicklung ermöglicht.
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Namensarchitektur: Warum ein Name allein nicht reicht
Podcast-Episode mit Thilo Wiedeking
Ein Unternehmen, eine Marke, ein Name – das klingt nach Lehrbuch. Und war vielleicht einmal die Regel. Heute ist es die Ausnahme. Märkte entwickeln sich schneller, Technologien überholen Produktzyklen, Unternehmen erweitern ihr Portfolio oder positionieren sich neu. Wer in dieser Dynamik einen Namen entwickelt, ohne die Tragweite für die nächsten fünf oder zehn Jahre mitzudenken, baut auf Sand.
Die Folge sehe ich regelmäßig: Fünf Produktnamen nebeneinander, die klingen, als kämen sie von fünf verschiedenen Firmen. Das ist kein Designproblem. Das ist ein Strategieproblem. Und es beginnt fast immer gleich: mit einem Namen, der isoliert entwickelt wurde – ohne System, ohne Architektur, ohne Blick auf das, was kommt.
Was ist eine Namensarchitektur?
Eine Namensarchitektur ist das Ordnungsprinzip hinter den Namen eines Unternehmens. Sie definiert, wie Unternehmensname, Produktnamen, Technologienamen und Submarken zueinander stehen und wie sie gemeinsam die Marke stärken, statt sie zu verwässern.
Dabei geht es nicht um Kreativität. Es geht um Struktur und Funktion. Eine Namensarchitektur leistet dreierlei:
Ordnung und Orientierung.
Sie gliedert ein Portfolio und muss auch Leistungsabstufungen, Kategorien, Produktversionen oder Technologiegenerationen tragen. Kunden, Vertrieb und Partner erkennen auf einen Blick, wo ein Produkt einzuordnen ist und wie es sich von anderen im Sortiment unterscheidet.
Unterstützung für Branding, Marketing und Sales.
Ein durchdachtes Namenssystem gibt dem Vertrieb eine Geschichte. Es macht Produktzusammenhänge erklärbar, erleichtert Cross-Selling und stärkt die Markenwahrnehmung über einzelne Produkte hinaus. Im Marketing schafft es Konsistenz über Kampagnen und Kanäle – ohne dass jedes Produkt einzeln positioniert werden muss.
Zukunftsfähigkeit.
Sie beantwortet Fragen, bevor sie akut werden: Braucht jedes Produkt einen eigenen Namen oder reicht eine Systematik mit Varianten? Wie fügt sich ein neues Produkt in drei Jahren ein, ohne dass das gesamte Naming überarbeitet werden muss? Hat ein Name das Potenzial, eine Kategorie zu führen und in internationalen Märkten zu bestehen?
Der Fall Kermi: Wie aus einem Buchstaben ein System wurde
Kermi, einer der führenden Hersteller für Heizungs-, Wärmepumpen- und Lüftungssysteme in Europa, ist ein Beispiel dafür, wie Namensarchitektur in der Praxis entsteht. Nicht am Reißbrett, sondern aus dem Unternehmen heraus.

Die Ausgangslage:
Kermi war ein etablierter Heizkörperhersteller mit starker Marktposition im DACH-Raum und in Europa. Doch die Prognosen zeigten, dass der Heizkörpermarkt schrumpfen würde – durch regulatorische Eingriffe, die Energiewende und veränderte Baustandards. Das Management zog Konsequenzen: Kermi sollte vom Heizkörperhersteller zum Systemanbieter werden und in die Wärmepumpen-Produktion einsteigen. In einem Markt mit bereits über 100 Anbietern.
Das Briefing:
Eine Launch-Kampagne für den Markteintritt. Doch in der Zusammenarbeit wurde klar: Eine Kampagne allein würde Sichtbarkeit bringen, aber kein Fundament. Was fehlte, war eine Positionierung und eine Namensstrategie, die den gesamten Markteintritt trägt.
Die strategische Ableitung:
Im Unternehmen steckte bereits ein Baustein, auf dem sich aufbauen ließ: das X aus der Flachheizkörper-Technologie X2. Dieser Buchstabe war bei Kermi kein Trend, sondern hatte technische Substanz: Das zweifarbige X stand für den Wärmetausch zwischen Vorlauf und Rücklauf, für die Optimierung, die Kermis Markenkern ausmachte. Und es gab schon die x-net Flächenheiz- und Kühlsysteme. Eine logische Grundlage für ein Namenssystem. Damit also kein Zufall, sondern Strategie.
Das System:
Aus diesem Buchstaben und dem Positionierungskern „Optimieren“ entwickelten wir gemeinsam mit Kermi das X-Optimiert-Wärmesystem: x-change (Wärmepumpe), x-buffer (Wärmespeicher), x-center (Steuerung und Regelung), x-well (Kontrollierte Wohnraumlüftung), x-fresh (Klima- und Lüftungsgeräte).
Die thermX2 Heizkörper und die x-net Flächenheiz- und Kühlsysteme waren natürlich integriert.

Jeder Name war eigenständig, aber sofort als Teil des Systems erkennbar. Das X verband alle Produkte mit dem Markenkern – und mit dem Heizkörper, für den Kermi im Markt bereits stand.
Ein zusätzlicher Glücksfall: Der Name x-change war bei Kermi bereits als Marke geschützt, ohne dass das Unternehmen den strategischen Wert bis dahin erkannt hatte. Manchmal liegt das Wertvollste schon in der Schublade.
Was sich für Kermi verändert hat
2011 ging das „x-optimiert-System“ in den Markt. Drei Effekte, die bis heute nachwirken:
Drei Prinzipien für eine tragfähige Namensarchitektur
1. Im Unternehmen anfangen, nicht auf der grünen Wiese.
Die stärksten Namenssysteme entstehen nicht aus dem Nichts. Sie bauen auf etwas auf, das im Unternehmen bereits Bedeutung hat – eine Technologie, eine Positionierung, ein Markenkern. Naming, das aus dem Unternehmen heraus wächst, hat Substanz. Es wird erkannt, nicht gelernt.
2. Das System vor dem ersten Namen denken.
Bevor der erste Produktname steht, muss die Architektur stehen. Welche Produkte kommen in zwei Jahren? In fünf? Wie wächst das System mit, ohne inkonsistent zu werden? Wer nur den nächsten Launch plant, baut Wildwuchs.
3. International von Anfang an denken.
Ein Namenssystem, das im Heimatmarkt funktioniert, muss nicht in den USA oder in China funktionieren. Aussprechbarkeit, kulturelle Konnotationen, Schutzfähigkeit in anderen Rechtsräumen – diese Fragen gehören in die Architektur, nicht in die Nacharbeit. Wer Americas oder APAC als relevante Märkte sieht, muss das im Naming von Tag eins mitplanen.
Good to know: Projektnamen bewusst kurz halten
Ein Punkt, der nicht direkt zur Namensarchitektur gehört, aber jeden Naming-Prozess betrifft: Interne Arbeitstitel, die gut klingen, werden zu Zombies. Sie setzen sich in Köpfen und Dokumenten fest und konkurrieren mit dem echten Markennamen – manchmal über Jahre. Je nüchterner und austauschbarer der Projektname, desto leichter hat es der Markenname.
Fazit
Eine Launch-Kampagne hätte Kermi Sichtbarkeit gebracht – für ein, vielleicht zwei Jahre. Ein Namenssystem hat eine Marke aufgebaut. Das ist ein Unterschied, den kein Mediabudget ersetzt.
Wer vor einem Markteintritt steht, einer Sortimentserweiterung oder einer Neupositionierung, sollte nicht mit dem Namen anfangen. Sondern mit der Frage: Brauche ich einen Namen oder ein System?
Die ganze Kermi-Geschichte erzählt Thilo Wiedeking, Marketingleiter bei Kermi, im Podcast Name.Macht.Marke.
INCREON Naming

CHRISTINA BASTL
Brand Naming
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